Presseschredder 5.7.2013

flzg

genügend leere Plätze

Schon wieder? Ja, schon wieder. Allgemeine Hilflosigkeit angesichts der Nachrichtenlage. Wiefelspütz macht den Filbinger. Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.

»Er hat möglicherweise Geheimnisverrat begangen aus Gewissensgründen. Er ist vielleicht ein Held der Freiheit. Das schützt aber nicht vor den rechtlichen Konsequenzen.«

Vermutlich hält der auch Nelson Mandela für einen Terroristen. Genau wie Malcom X und Staufenberg. Freiheit und Recht sind nach diesem Satz offenbar unvereinbar. Und sowas ist in der SPD. Unfassbar.
Snowden wäre vermutlich besser dran, wenn er eine Frau wäre. Auf den Chauvinismus ist mehr Verlass als auf Demokratieverständnis. Außerdem darf man jetzt Rauchern die Wohnung kündigen.
Merkel verzichtet auf Vorratsdatenspeicherung ¹ – Raider heißt jetzt Twix. Döner-Diät für den Verfassunsschutz.  Die Kanzlerin holt sich telephonisch von Obama neue Instruktionen ab. Erhöhte Wachsamkeit im Luftverkehr ist oberste Devise – vor allem bei dem aus dem Osten. Zahlreiche Fragen sind noch offen, einige werden vorsichtshalber gar nicht erst gestellt. Wichtigste Frage von allen: Worin bestanden eigentlich die Ziele Europas nach 1945? Zweitwichtigste: Hat eigentlich mal jemand die UN-Menschenrechtscarta gelesen?

Ein einziges Mal in ihrer Karriere hätte Frau Merkel eine Entscheidung treffen können, die es zu einer wohlwollenden Randnotiz in den Geschichtsbüchern gebracht hätte. So bleibt sie Mitläuferin, die schweigende Stuhlwärmerin mangels Alternativen.

Während die Bundeswehr am Hindukusch Deutschlands Freiheit verteidigt, gerät diese Freiheit daheim unter schwarz-gelbe Räder. Da die westliche Wertegemeinschaft gerade Insolvenz verkündet, müssen die anderen jetzt ran. Outgesourceste Demokratie, die jetzt von Ägypten eingefordert wird.

Links? Lese-Empfehlungen? Keine Ahnung. Ich mag nicht mehr lesen. Die Empörung hat den Siedepunkt überschritten. Wenn das Thema bei Anne Will durchgehechelt wurde, ist es obsolet. Habe Anne Will nicht gesehen. Soll sehr informativ gewesen sein. Ein Bild von Snowden kam auch vor: Das selbe wie auch sonst. Er ist immer noch dreißig, sitzt in Moskau, da rettet ihn nicht einmal eine Präsidentenmaschine. Friedensnobelpreisträger Obama behält recht: Wegen Snowden lässt er keinen amerikanischen Kampfjet aufsteigen. Es reichen die devoten Unterwerfungsgesten der ehemaligen Verbündeten. Der russische Geheimdienst gibt seinen amerikanischen Kollegen einen kleinen Tip und die fallen nach Strich- und Faden darauf herein. Ätsch: Snowden ist gar nicht im Flugzeug von Morales!  Die blamierte Allianz der Willigen und der tumbe Strippenzieher aus Übersee.
Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, außer… war da nicht eine kleine Insel im Nordatlantik? Seit die konservative Regierung in Island² am Ruder wedelt, ist es merkwürdig ruhig geworden. Kein Zeichen mehr von Fortschritt – die Wikipedia verzeichnet noch stur Jóhanna Sigurðardóttir als Ministerpräsidentin (was sie seit Mai nicht mehr ist). Nicht nur hier ein Indiz, wie man Realitäten nicht zur Kenntnis nimmt.
Hat Snowden auch hier um Asyl gebeten?
Spiegel Online in seiner beliebten Kolumne »der schwarze Kanal« bring es wieder auf den Punkt: »Datenschutz: Hysterie in der Nacktsauna.« Als wenn es eine Sauna für Winterbekleidung gäbe. Aber es ist mittlerweile auch egal. Das Ungeheuerliche verschwindet unter einer Lawine von Worten, einem Nebel von Begrifflichkeiten und Deutungen. Dabei wäre alles so einfach wie die 10 Gebote. »Du sollst verdammt noch mal Deinen Nachbar nicht aushorchen.« Mit ein wenig Phantasie hätte man das auch aus den vorhandenen Geboten zusammenschrauben können.
Wozu also noch weitersuchen? Ach, da war dann aber doch noch ein neues Wort, ein Gedanke. F. Luebberding siniert bei Wiesaussieht über die Vorstellung, man hätte es nicht mit einem den zeitgenössischen Polit-Marionetten, sondern mit General de Gaulle zu tun.

»De Gaulle hätte angesichts der Debatte um Snowden, Prism und Tempora gewusst, was zu machen ist. Es wäre das Gegenteil von der peinlichen Vorstellung gewesen, die Paris und Berlin bisher in der Affäre abgeliefert haben.«

Welche europäischen Politiker der Vergangenheit ähnlich impertinent, stur, egoman oder einfach nur selbstbewußt waren, ist eine interessante, wenngleich auch rein hypothetische Frage. Sie weilen nicht mehr unter den Lebenden.
Man schickt H.P. Friedrich in die USA, nicht Herbert Wehner.

Wie war Ihre Woche denn so? Schon bei Campact die Solidaritätsadresse für Snowden unterschrieben? Man sollte es machen; nicht weil ein Asyl in Deutschland zu den wünschenswertesten Dingen des Lebens gehörte. Aber vielleicht als letzte Manifestation alter Werte. Selbst ein Karl Marx kam damals in London unter. Heute nicht mehr. Und Snowden in Berlin wäre vergleichbar mit Robert Blum in Wien.
Der letzte Akt. Man kann sie nicht mehr zur Umkehr bewegen. Nur noch zu Statements über ihre Beweggründe. Lasst sie uns zu unbegabten Lügen zwingen.

¹ Klaus Jarchow schlägt »Daten-Notration« vor; ein Wort, das sehr einschmeichelt.

² Wie eine bekannte süddeutsche Zeitung vermeldet, ist vor September nicht mit einer Entscheidung des isländischen Parlaments über den Asylantrag Snowdens zu rechnen. Ob es sich dabei um den September diesen Jahre handelt, geht aus der Meldung nicht eindeutig hervor.

UpDate:

Wie heute Nacht bekannt wurde, bieten Venezuela und Nicaragua Edward Snowden Asyl an. Ein Vorgang, der mit Sicherheit durch das neokoloniale Männchenmachen der USA beschleunigt wurde. Gerade im Fall von Nicaragua ist der Mut besonders bewundernswert. Die Entscheidung der beiden Regierungen jedenfalls beschämt die trostlosen Unterwürfigkeitsgesten der europäischen Staaten zutiefst.
Einzig einigermaßen sichere Airline: Aeroflot

 

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5 Antworten zu Presseschredder 5.7.2013

  1. Hartmut schreibt:

    Danke für diesen Text. Du sprichst/schreibst mir aus der Seele. Was sich um uns herum abspielt, ist einfach nur noch grotesk. Apropos grotesk: Diese Meldung ist auch grotesk und frustrierend: RIA Novosti: US-Whistleblower Snowden und „Bond-Girl“ Chapman dürfen nicht heiraten (http://de.rian.ru/society/20130705/266431818.html)
    Lieben Gruss und trotzdem ein schönes Wochenende, Hartmut

  2. pantoufle schreibt:

    Das mit den Papieren muß doch zu regeln sein bei dem Mädel – Was für ein Paar :-) Grotesk fand ich allerdings schon die Idee mit der Heirat.
    Ich hab vor Jahren mal in Weißrussland ohne Papiere festgesteckt, bin noch nach Bulgarien gekommen (frach nich wie) und habe dann von der schweizer Botschaft eine Art Reisepass bekommen, mit dem es nach Hause ging. Gehen tut alles.

    Was mir einfach höllisch auf die Nüsse geht, ist die tägliche Empörung ohne Folgen – von der ich mich selber auch nicht ausnehmen würde. Die gesamte Blogsphäre darf einmal kollektiv aufmumpfen. Und dann ist Ruhe bitte! Nächstes Thema, das an den selben Ursachen laboriert mit neuen Sympomen bei gleichen Ausreden. Es beleidigt die Intelligenz und den guten Geschmack.
    Selber schönes Wochenende… muß noch Rasenmähen :-(
    Lieben Gruß
    das Pantoufle

  3. opalkatze schreibt:

    http://www.carta.info/60125/es-gibt-keine-vierte-gewalt-es-gibt-nur-medien/ #nurmalso

    Schönes Wochenende. Mach was Sinnvolles, trink einen Wein für mich mit und iss Kuchen. Und grüß bitte ganz tüchtig.

  4. opalkatze schreibt:

    Weinnnnnnnnnnnnnnnnnn. Bitte.

  5. pantoufle schreibt:

    Ach Katze: Carta habe ich ja bis zuletzt gelesen. Da standen Sachen – also ich sag Dir! Wirklich tolles Zeug, wo ich gar nicht mehr mithalten kann. Aber im Moment mag ich nicht mehr. Becks Bier und mit dem Hund. Sonst aber…
    Man kann gar nicht so viel essen, wie man…
    Lieben Gruß
    das Pantoufle

    ich bin eine Echse

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